Ein Hund namens „Er aus der Unterwelt“

Hunde sind im Alten Ägypten auf zahlreichen Darstellungen zu sehen – als Jagd- und Wachhunde, als Begleiter ihrer Besitzer oder als Teil von Szenen aus dem täglichen Leben. Manche dieser Tiere tragen sogar einen eigenen Namen. Ein besonders ungewöhnliches Beispiel findet sich im Grab des User in Theben: Einer seiner Hunde könnte „Er aus der Unterwelt“ geheißen haben.

Das Grab des User (TT 21) stammt aus der 18. Dynastie und liegt in der thebanischen Nekropole. Unter dem Stuhl des Grabherrn sind drei Hunde dargestellt. Bei zweien konnten ihre Namen bereits gelesen werden, während die Beschriftung des dritten Hundes lange Zeit zu stark verblasst war, um sie sicher zu entziffern.

Ein Name wird wieder sichtbar

Eine neue Untersuchung hat sich dieser schwer lesbaren Inschrift noch einmal angenommen. Mithilfe digitaler Bildbearbeitung konnten zuvor kaum erkennbare Hieroglyphen deutlicher sichtbar gemacht werden. Die Forschenden schlagen für den Namen die Lesung dwȝ.ty vor.

Sinngemäß lässt sich der Name etwa als „Er aus der Unterwelt“ oder „Der aus der Unterwelt“ wiedergeben. Die Bezeichnung könnte eine Anspielung auf die Unterwelt und damit möglicherweise auch auf den Gott Anubis enthalten.

Wichtig ist allerdings: Der Hund hieß nicht einfach „Anubis“. Die Lesung ist als Namensvorschlag zu verstehen, und die Verbindung zu Anubis ist eine mögliche Interpretation des Namens – keine Gleichsetzung des Tieres mit dem Gott.

Ein ungewöhnlicher Hund

Nicht nur der Name macht die Darstellung interessant. Auch das Aussehen des Tieres fällt auf. Sein Fell ist hell dargestellt und mit rötlichen, wellenförmigen Streifen versehen. Eine vergleichbare Darstellung eines Hundes mit einem solchen Fellmuster ist bislang offenbar nicht bekannt.

Auch das Hieroglyphenzeichen für „Hund“ ist ungewöhnlich: Statt der sonst häufig verwendeten Darstellung eines stehenden Hundes sitzt der Hund hier – und erinnert damit an das Tier, das unmittelbar daneben abgebildet ist.

Solche Details zeigen, dass die Darstellung nicht unbedingt nur eine allgemeine Kategorie „Hund“ meint. Der Künstler konnte offenbar sehr konkrete Merkmale eines individuellen Tieres wiedergeben.

Hunde mit Namen

Die Untersuchung ordnet den Hund aus TT 21 in einen größeren Bestand altägyptischer Hundenamen ein. Insgesamt sind inzwischen zahlreiche Namen von Hunden aus dem Alten Ägypten bekannt; viele stammen aus privaten Gräbern.

Dass ein Tier mit seinem Namen dargestellt wurde, konnte dabei eine wichtige Funktion haben. Ein Name macht aus einem Tier nicht nur einen Vertreter seiner Art, sondern verweist auf ein bestimmtes Individuum. Gemeinsam mit dem Bild konnte er dazu beitragen, die Erinnerung an dieses Tier zu bewahren.

Im Grabkontext bekommt das eine zusätzliche Bedeutung: Die Darstellung eines geliebten oder wichtigen Tieres konnte Teil der Erinnerung an das Leben des Grabherrn sein – und damit auch Teil dessen, was über den Tod hinaus Bestand haben sollte.

Ein kleiner Name mit großer Geschichte

Der Hund aus TT 21 ist damit ein schönes Beispiel dafür, wie viel Information in scheinbar kleinen Details einer Grabmalerei stecken kann. Eine kaum noch lesbare Inschrift, durch digitale Bildbearbeitung wieder sichtbar gemacht, eröffnet den Blick auf ein individuelles Tier, seinen ungewöhnlichen Namen und möglicherweise sogar auf Vorstellungen von Unterwelt und Jenseits.

Ob „Er aus der Unterwelt“ tatsächlich der vollständige Name des Hundes war und welche genaue Bedeutung die Bezeichnung für seinen Besitzer hatte, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit beantworten. Sicher ist aber: Auch im Alten Ägypten konnten Hunde mehr sein als anonyme Begleiter. Manche von ihnen hatten Namen – und wurden auf diese Weise als individuelle Wesen in die Erinnerung eingeschrieben.

Quelle:
Chelsea Kaufman, An 18th Dynasty Dog’s Name from Thebes

https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/03075133261487455

Beitragsbild: J. J. Shirley

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Darüber hat Roxane mit Harald Lesch gesprochen – in der Mediathek vom zdf:

https://www.zdf.de/video/dokus/terra-x-harald-lesch-102/harald-lesch-im-gespraech-mit-der-aegyptologin-roxane-bicker-100

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