Ein Pyramiden-Grab, ein griechisches Gedicht und das Amduat

Neue Entdeckung in der Oase Dachla

In der Oase Dachla haben Archäolog:innen ein ungewöhnliches Grab aus der römischen Kaiserzeit entdeckt. Der aus Lehmziegeln errichtete Bau verbindet altägyptische Jenseitsvorstellungen mit griechischer Sprache und römischem historischem Kontext. Besonders bemerkenswert ist eine 19-zeilige griechische Grabinschrift, die einem Mann namens Psychtis gewidmet ist.

Ein Grab mit pyramidenförmigem Aufbau

Der Fund stammt aus der Nekropole von Bir al-Shaghala in der Oase Dachla im ägyptischen Neuen Tal. Die Nekropole gehört zum Bereich der antiken Stadt Mothis, die während der ptolemäischen und römischen Zeit eine wichtige Siedlung und das Zentrum der Oase war.

Das neu entdeckte Grab wurde aus Lehmziegeln errichtet und war offenbar für die Bestattung eines Mannes und einer Frau vorgesehen. Eine 14-stufige Treppe führt zu seinem Eingang, der aus Sandstein gefertigt und im ägyptischen Stil gestaltet wurde.

Über dem Eingang befindet sich ein Gesims mit einer geflügelten Sonnenscheibe und zwei Kobras. Auch die weiteren Dekorationen folgen deutlich ägyptischen Traditionen: Hieroglyphische Inschriften enthalten funeräre und schützende Sprüche, während eine steinerne Verschlussplatte mit einer Darstellung des Osiris und weiteren Schutztexten den Zugang versiegelte.

Hinter dem Eingang liegt eine quer ausgerichtete, gewölbte Halle aus Lehmziegeln. Rechts davon befinden sich zwei Grabkammern. Über diesem Bereich erhebt sich der für das Grab charakteristische pyramidenförmige Aufbau.

Solche pyramidenförmigen Aufbauten sind in der Nekropole von Bir al-Shaghala nicht völlig unbekannt. Mehrere der dort entdeckten Gräber besitzen obere Bereiche mit funerären Schreinen und pyramidenartigen Aufsätzen. Die Architektur des neuen Grabes fügt sich damit in eine lokale Tradition ein, die altägyptische Formen mit Entwicklungen der ptolemäischen und römischen Zeit verbindet.

Ein 19-zeiliges Gedicht auf Griechisch

Besonders ungewöhnlich ist eine steinerne Grabstele, die in die Südwand des pyramidenförmigen Aufbaus eingelassen war.

Auf ihr befindet sich ein 19-zeiliger funerärer Text in altgriechischer Sprache, geschrieben mit roter Tinte. Die Inschrift ist einem Mann namens Psychtis gewidmet und wird vorläufig in das späte 3. oder frühe 4. Jahrhundert n. Chr. datiert.

Nach ersten Untersuchungen könnte Psychtis ein Richter gewesen sein. Diese Zuordnung ist allerdings noch vorläufig: Die vollständige Inschrift ist bislang nicht veröffentlicht, sodass sich seine genaue Funktion und seine Biografie noch nicht rekonstruieren lassen.

Allein die Kombination aus griechischer Sprache und einem traditionellen ägyptischen Grabkontext ist jedoch bemerkenswert. Sie macht deutlich, dass Griechisch auch in der römischen Kaiserzeit ein wichtiges Medium für die Selbstdarstellung und Erinnerung bestimmter Bevölkerungsgruppen in den ägyptischen Oasen war.

Eine Szene aus dem Amduat

Auch die Dekoration des Grabeingangs hält eine besondere Überraschung bereit.

Auf dem oberen Türsturz befindet sich eine Darstellung der 7. Stunde des Amduat. Das Amduat – wörtlich etwa „Das, was in der Unterwelt ist“ – gehört zu den bedeutenden altägyptischen Jenseitsbüchern. Es beschreibt die nächtliche Reise des Sonnengottes durch die Unterwelt.

Die siebte Stunde ist dabei eine besonders dramatische Station dieser Reise: Die Sonnenbarke muss sich mit der Bedrohung durch Apophis, die Verkörperung von Chaos und Zerstörung, auseinandersetzen.

Für Bir al-Shaghala ist diese Darstellung besonders wichtig, weil sie nach Angaben der ägyptischen Antikenbehörden zum ersten Mal in der Nekropole nachgewiesen wurde.

Damit treffen an einem einzigen Grab zwei unterschiedliche sprachliche und kulturelle Ebenen aufeinander: Die Grabstele verwendet griechische Sprache und literarische Formen, während die Gestaltung des Grabes auf traditionelle ägyptische Jenseitsvorstellungen zurückgreift.

Was wurde außerdem gefunden?

Neben der Stele wurden weitere Gegenstände entdeckt, darunter:

  • ein Opfertisch aus Sandstein,
  • ein Reinigungsbecken,
  • verschiedene Keramikgefäße und
  • eine Bronzemünze mit dem Bild des römischen Kaisers Konstantin.

Die Münze bestätigt den römischen historischen Kontext des Fundes, datiert aber nicht automatisch die ursprüngliche Errichtung des Grabes. Gerade bei einem Grab, das möglicherweise über längere Zeit genutzt wurde, muss zwischen Bauzeit, Bestattungszeitpunkten und späteren Aktivitäten unterschieden werden.

Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass das Grab zu einem späteren Zeitpunkt erneut genutzt oder verändert wurde. Oberhalb des Haupteingangs fanden die Archäolog:innen eine weitere Lehmziegelkapelle. Davor befand sich ein funerärer Schrein mit vier quadratischen Lehmziegelpfeilern.

Ägypten unter römischer Herrschaft

Der Fund ist deshalb nicht nur wegen seiner einzelnen Objekte interessant. Er gehört zu einem größeren archäologischen Bild der Oase Dachla.

Die römische Herrschaft über Ägypten begann 30 v. Chr. nach dem Tod Kleopatras VII. und Marcus Antonius. Die Bevölkerung des Landes verschwand dadurch natürlich nicht, und auch traditionelle religiöse Vorstellungen wurden nicht einfach durch römische ersetzt.

Die Gräber von Bir al-Shaghala zeigen vielmehr, wie unterschiedliche Traditionen miteinander verbunden werden konnten.

Hier finden sich traditionelle ägyptische Architektur und Ikonografie neben griechischen Inschriften und den politischen Rahmenbedingungen der römischen Herrschaft. Die neue Entdeckung fügt diesem Bild ein weiteres Beispiel hinzu.

Dabei sollte man allerdings vorsichtig mit der Vorstellung voneinander abgegrenzter „ägyptischer“, „griechischer“ und „römischer“ Kulturen sein. Gerade in einem Ort wie Dachla können solche Elemente Teil einer gemeinsamen lokalen Gesellschaft gewesen sein.

Eine Nekropole, die seit 2002 erforscht wird

Bir al-Shaghala ist kein neu entdeckter Fundplatz. Das Supreme Council of Antiquities führt dort bereits seit 2002 Ausgrabungen durch.

Im Laufe der verschiedenen Grabungskampagnen wurden zahlreiche Gräber freigelegt. Sie unterscheiden sich in ihrer Architektur, weisen aber immer wieder eine Kombination aus ägyptischen funerären Traditionen und Einflüssen der ptolemäischen und römischen Zeit auf.

Einige Gräber besitzen offene Höfe, Treppen und Altäre, die vermutlich mit funerären Ritualen im Freien verbunden waren. Andere verfügen über obere Schreine mit pyramidenförmigen Aufbauten. Die Größe und Ausstattung der Anlagen sprechen nach Einschätzung der Ausgräber dafür, dass die Nekropole zumindest teilweise Angehörigen der Elite der antiken Oasenhauptstadt vorbehalten gewesen sein könnte.

Das neu entdeckte Grab ist damit weniger ein isoliertes Kuriosum als ein weiterer Baustein zum Verständnis der Gesellschaft von Mothis und der Oase Dachla während der griechisch-römischen und römischen Zeit.

Ein kleines Grab mit vielen offenen Fragen

Besonders spannend ist letztlich die Verbindung verschiedener Zeugnisse: ein pyramidenförmiger Grabaufbau, traditionelle ägyptische Jenseitstexte, eine griechische Grabinschrift und Funde aus dem römischen Ägypten.

Die Entdeckung erzählt damit nicht einfach die Geschichte von „Ägypten unter Rom“. Sie zeigt vielmehr, wie vielfältig die religiösen, sprachlichen und kulturellen Ausdrucksformen in einer ägyptischen Oase während der römischen Kaiserzeit sein konnten.

Und einige Fragen sind noch offen: Wer genau war Psychtis? Welche Geschichte erzählt das 19-zeilige Gedicht? Wann genau wurde das Grab errichtet und wann wurde es erneut genutzt? Und welche Rolle spielte die Familie, für die der monumentale Bau angelegt wurde?

Die weitere Untersuchung des Grabes und insbesondere die vollständige Auswertung der griechischen Inschrift könnten darauf weitere Antworten liefern.

Quellen:
Supreme Council of Antiquities: https://sis.gov.eg/en/media-center/news/egyptian-archaeological-mission-discovers-roman-era-tomb-in-dakhla-oasis
Ahram Online: https://english.ahram.org.eg/NewsContentP/9/577449/Antiquities/RomanEra-Pyramidal-Tomb-Unearthed-at-Bir-AlShaghal.aspx

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