Ein verschollenes Schiff und ein fantastisches Abenteuer
Ein altägyptischer Königssarkophag, ein verschollenes Schiff und eine Expedition in unbekannte Tiefen: Jean-Louis Aguilars Comic Der Sarkophag des Mykerinos verbindet ein reales historisches Rätsel mit klassischer Abenteuerfantastik. Ausgangspunkt ist eine der faszinierenden Verlustgeschichten der frühen Ägyptologie: 1838 sollte der Sarkophag des Pharaos Mykerinos nach England gebracht werden. Doch sein Transportschiff, die Beatrice, verschwand auf der Reise. Bis heute ist nicht geklärt, wo es unterging – und was aus dem Sarkophag wurde.

Der Comic nimmt diese offene Frage zum Ausgangspunkt und entwickelt daraus ein Abenteuer, das von wissenschaftlichen Erfindungen, geheimnisvollen Unterwasserwelten und der Vorstellung einer verborgenen Welt unter der Erdoberfläche lebt.
Ein Sarkophag auf großer Fahrt: Die Geschichte der Beatrice
Im Jahr 1837 untersuchte der britische Offizier und Ägyptenreisende Howard Vyse die Pyramiden von Gizeh. Am 1. August erreichten er und seine Mitarbeiter die Grabkammer in der Pyramide des Königs Mykerinos. Dort fanden sie einen Sarkophag aus Basalt, dessen Oberfläche mit aufwendigen architektonischen Mustern verziert war.
Vyse beschloss, das Objekt nach Großbritannien bringen zu lassen. Im Januar 1838 akzeptierten die Treuhänder des British Museum sein Angebot, den Sarkophag dem Museum zu überlassen, und veranlassten die Organisation des Transports. Die Überführung war Teil eines größeren diplomatischen und logistischen Vorhabens: Das Objekt musste von Gizeh nach Alexandria gebracht werden, die Ausfuhr aus Ägypten genehmigt und schließlich eine geeignete Passage nach Großbritannien organisiert werden.

Für die Seereise wurde die britische Handelsbrigg Beatrice eingesetzt. Das Schiff gehörte Richard Mayle Whichelo, der es bereits seit Jahren auf Routen zwischen Liverpool und Alexandria führte. Zu den üblichen Transportgütern gehörte Baumwolle; die Überfahrt mit dem Sarkophag war also Teil eines bestehenden Handelsnetzes und keine eigens für archäologische Funde organisierte Expedition.
Im Sommer 1838 wurde der Sarkophag nach Alexandria gebracht und an Bord der Beatrice verladen. Am 20. September verließ das Schiff den Hafen mit Kurs auf Großbritannien. Doch diesmal führte Richard Mayle Whichelo nicht selbst das Kommando: Er blieb aus unbekannten Gründen in Alexandria zurück. An seiner Stelle führte sein Sohn John, der erste Offizier des Schiffs, die Reise weiter.
Was danach geschah, lässt sich nicht lückenlos rekonstruieren. Ein Bericht in der maltesischen Zeitung Il Mediterraneo vom Oktober 1838 meldete, die Beatrice habe Malta am 13. Oktober in Richtung Liverpool verlassen. Die erhaltenen Hafenregister von Valletta verzeichnen diese Ankunft und Abfahrt allerdings nicht. Es ist deshalb sogar möglich, dass das Schiff Malta nie erreichte.
Am 5. Februar 1839 berichtete der Liverpool Albion, die Beatrice sei seit ihrer angeblichen Abfahrt aus Malta nicht mehr gesehen worden. Das Schiff galt damit als verschollen, ebenso seine Besatzung und der Sarkophag des Mykerinos. Ein Wrack, das zweifelsfrei als die Beatrice identifiziert werden konnte, ist bislang nicht bekannt.
Für das British Museum bedeutete der Verlust immerhin nicht den vollständigen finanziellen Schaden: Die Transportkosten waren versichert. Im Juni 1839 wurde eine Versicherungszahlung von 148 Pfund für den verlorenen Sarkophag vermerkt.
Die Geschichte zeigt zugleich, wie eng die frühe Ägyptologie mit Handel, Diplomatie und dem Export antiker Objekte verbunden war. Der Sarkophag sollte nicht an seinem Fundort verbleiben, sondern in eine britische Sammlung überführt werden. Dass er unterwegs verloren ging, machte ihn zu einem außergewöhnlichen historischen Rätsel.
Grundlage dieser Rekonstruktion ist Nicky Nielsens Untersuchung „Mercantile Networks and the Export of Antiquities from Egypt in the Mid-Nineteenth Century: A Case Study of Menkaure’s Sarcophagus and the Beatrice“ aus dem Jahr 2024.
Von der Beatrice in die Hohlwelt: Professor Baltimonts Abenteuer
Was wäre, wenn der Sarkophag nicht einfach mit der Beatrice untergegangen wäre? Was, wenn er irgendwo auf dem Meeresgrund auf seine Entdeckung wartete? Und was, wenn dort unten noch sehr viel mehr verborgen wäre als ein verlorenes Stück altägyptischer Geschichte?
Genau hier setzt Jean-Louis Aguilars Comic Der Sarkophag des Mykerinos an. Die Geschichte springt ins Jahr 1952. Professor Baltimont, ein Physiker, hat seine Arbeit an einem besonderen Edelgas namens Zargon abgeschlossen. In Verbindung mit Sauerstoff soll es Menschen ermöglichen, auch in Tiefen zu atmen, die ihnen normalerweise verschlossen bleiben.
Der amerikanische Milliardär Edward Hugues engagiert Baltimont, um den Sarkophag des Mykerinos aufzuspüren. Die Suche nach dem verschollenen Objekt wird damit zum Ausgangspunkt für eine Expedition, die weit über die Bergung eines historischen Artefakts hinausführt.
Aguilar interessiert sich nicht allein für die Frage, wo die Beatrice geblieben sein könnte. Aus dem historischen Rätsel entwickelt er ein klassisches Abenteuer mit wissenschaftlichen Erfindungen, unbekannten Räumen und einer Welt, die sich unter der uns bekannten verbirgt. Die Suche nach dem Sarkophag wird zum Auftakt einer Reise ins Fantastische.
Dabei gilt es, zwei Ebenen auseinanderzuhalten: Die Beatrice und der verschwundene Sarkophag sind historisch belegt; die konkrete Verbindung zu Cartagena an der spanischen Küste und die fantastische Expedition gehören zur Comic-Handlung. Ein Wrack, das sich zweifelsfrei als das gesuchte Schiff identifizieren ließe, ist bislang nicht bekannt. Der Comic nimmt diese offene Frage als erzählerischen Freiraum – und macht daraus eine Geschichte, in der das ungelöste Rätsel nicht das Ende, sondern erst der Anfang ist.
Abenteuer unter der Oberfläche
Die Vorstellung, dass sich unter der Erdoberfläche eine weitere Welt befinden könnte, gehört zu den Motiven, mit denen fantastische Abenteuerliteratur seit Langem spielt. Sie verspricht das Unbekannte gleich unter unseren Füßen: verborgene Räume, fremde Lebenswelten und Entdeckungen, die das bisherige Weltbild auf den Kopf stellen.
Im Sarkophag des Mykerinos wird diese Idee mit dem historischen Ausgangspunkt und dem klassischen Abenteuercomic verbunden. Die wissenschaftliche Erfindung Zargon liefert die erzählerische Voraussetzung, um in Tiefen vorzudringen, die sonst unerreichbar wären. Aus einer Suche nach einem verschollenen Schiff wird so eine Expedition in eine fantastische Gegenwelt.
Das Motiv der Hohlwelt hat allerdings auch eine Geschichte jenseits der Abenteuerliteratur: Vorstellungen verborgener Welten tauchen ebenfalls in esoterischen Milieus und heutigen Verschwörungsmythen auf. Das macht den Comic selbst nicht zu einem solchen Werk. Es zeigt vielmehr, wie unterschiedlich ein Motiv je nach Zusammenhang eingesetzt und gedeutet werden kann. Bei Aguilar steht es im Dienst einer fantasievollen Abenteuergeschichte – und genau als solche lässt sich der Comic lesen.
Eine Liebeserklärung an den klassischen Abenteuercomic
Auch optisch macht Der Sarkophag des Mykerinos einiges her. Jean-Louis Aguilar, der unter dem Künstlernamen JAL arbeitet, orientiert sich an der frankobelgischen Abenteuertradition und insbesondere an der sogenannten ligne claire: Klare Konturen, gut unterscheidbare Formen und flächige Farben prägen den Stil. Die Bildsprache erinnert an Klassiker wie Tim und Struppi und Blake und Mortimer – und das nicht zufällig. Der Comic greift ganz bewusst die Atmosphäre jener Abenteuer auf, in denen Wissenschaftler, geheimnisvolle Funde und kühne Expeditionen aufeinandertreffen.

Die Zeichnungen und die Farbgebung tragen viel zu diesem nostalgischen Abenteuergefühl bei. Statt auf möglichst realistische Darstellung oder eine düstere, moderne Inszenierung zu setzen, vertraut Aguilar auf eine klare, gut lesbare Bildsprache. Das passt zur Geschichte: Die Handlung darf sich in immer fantastischere Gefilde wagen, ohne dass der Comic seinen klassischen Abenteuercharakter verliert.
Natürlich ist Der Sarkophag des Mykerinos damit kein Versuch, den großen Vorbildern in jedem Detail nachzueifern. Die zeichnerische Präzision erreicht nicht durchgehend das Niveau, das man etwa von Blake und Mortimer kennt. Das schmälert den Reiz des Albums aber nicht grundsätzlich. Entscheidend ist vielmehr, wie liebevoll hier mit den Zutaten des Genres gearbeitet wird: mit einer wissenschaftlichen Erfindung, einem verschollenen Artefakt, einer geheimnisvollen Mission und einer Welt, die darauf wartet, entdeckt zu werden.
Gerade für Leser*innen, die klassische frankobelgische Abenteuercomics mögen, dürfte das Album deshalb eine schöne Entdeckung sein. Und wer sich für die Geschichte des Sarkophags interessiert, bekommt einen zusätzlichen Anreiz: Der reale historische Hintergrund ist nicht bloß Dekoration, sondern der Ausgangspunkt für eine eigenständige fantastische Geschichte.
Ein verschollener Sarkophag und jede Menge Abenteuer
Die Geschichte des Sarkophags des Mykerinos ist noch lange nicht zu Ende: Historisch bleibt die Beatrice verschwunden, und mit ihr ein außergewöhnliches Zeugnis altägyptischer Bestattungskultur. Jean-Louis Aguilar macht aus diesem ungelösten Rätsel den Ausgangspunkt für eine fantastische Expedition, die weit über die Suche nach einem Schiffswrack hinausführt.
Der Sarkophag des Mykerinos ist eine Empfehlung für alle, die klassische frankobelgische Abenteuercomics mögen und Freude daran haben, wenn historische Rätsel in fantastische Geschichten verwandelt werden. Der Comic verbindet einen realen Hintergrund mit wissenschaftlichen Erfindungen, einer verborgenen Welt und einer Bildsprache, die ihre Liebe zum klassischen Abenteuer erkennen lässt.
Wie viel Geschichte steckt tatsächlich hinter der verschwundenen Beatrice? Was hat es mit dem Sarkophag auf sich, und wo endet die historische Überlieferung und beginnt die Fantasie? Darüber sprechen Roxane und Nora gemeinsam mit Moritz in der 115. Folge von Mummies & Magic – Altägypten in der Popkultur.
Die Folge „Der Sarkophag des Mykerinos (Comic)“ gibt es überall, wo es Podcasts gibt.
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Quellen
Nielsen, Nicky (2024): „Mercantile Networks and the Export of Antiquities from Egypt in the Mid-Nineteenth Century: A Case Study of Menkaure’s Sarcophagus and the Beatrice“. International Journal of Maritime History.
Zum wissenschaftlichen Aufsatz
Aguilar, Jean-Louis (JAL): Les aventures du Professeur Baltimont, tome 1: Le sarcophage de Mykérinos. Éditions Clair de Lune, 2015; Neuauflage 2019